Menschlich, vernünftig, inspirierend:
Der Arbeitsplatz als Open Space

1994 gründete sie ihr eigenes Studio SevilPeach Architecture+Design in London, mit dem sie eine ganze Reihe von Projekten für internationale Kunden wie Sony, Mexx, Eczacibasi Holdings, Microsoft, die Tate Galleries oder den Novartis-Campus in Basel realisierte.

 

 

Frau Peach, Sie sind Expertin für die Gestaltung von Arbeitsplätzen: Haben Sie in den vergangenen Jahren einen signifikanten Wandel beobachtet, worauf Ihre Kunden Wert legen?

Eine ganze Weile schon wünschen sich unsere Kunden bessere Arbeitsplätze. Sie haben erkannt, wie wichtig es ist, dass sich ihre Mitarbeiter begegnen und Wissen austauschen können. Und dass sie mit einer einladenden und menschlichen Umgebung gute Leute in ihrem Unternehmen halten können. Wir beschäftigen uns seit 1994 mit diesen Themen – damals hielt man uns für verrückt. Aber in den vergangenen 20 Jahren habe ich mit Vergnügen beobachten können, wie sich die Einstellungen gewandelt haben. Wir sind unseren eigenen Weg gegangen und mittlerweile gelten unsere Ideen als ganz aktuell. Trotzdem begegnen mir eine Menge Fehlinterpretationen von dem, was als gutes Büro gilt. Dabei liegt es letztlich am Gestalter, ob eine Arbeitsumgebung gelingt. Und nicht an den Möbeln.

Immer noch großer Trend im Büromöbelbereich sind Möbel, die Privatheit erzeugen sollen: Sessel mit hohen Lehnen, kojenartige Sofas …

Das liegt daran, dass immer mehr Unternehmen die Vorzüge von Büros mit offenen Grundrissen erkennen. Firmen, deren Arbeitsplätze in Zellen organisiert sind, fürchten sich jedoch vor einer Umstellung. Die Mitarbeiter könnten offene Räume ablehnen, etwa wegen des Geräuschpegels oder mangelnder Privatsphäre – verständlicherweise. Man muss die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigen. Wir tun das mit Hilfe von architektonischen Eingriffen: Wir schaffen Zwischenzonen, um Open-Space-Landschaften zu gliedern und aufzulockern, wir packen die Räume nicht voll mit Möbeln, damit die Menschen genug Platz zum Nachbarn haben. Wir kümmern uns um die Akustik. Das sind alles architektonische Mittel. Andere reagieren auf das Problem, indem sie ein Produkt entwickeln, das Privatheit erzeugen soll. Das kann auch funktionieren. Es geht letztlich um eine Balance zwischen dem Einsatz von architektonischen Mitteln und von geeigneter Möblierung. Die alleinige Nutzung von bestimmten Produkten zur Erzeugung von Privatsphäre führt zu Monotonie. 

Sie betonen immer wieder die Bedeutung des menschlichen Maßstabs. Aber wie entwirft man einen Open Space mit menschlichem Maßstab? 

Ich kann nur von unseren eigenen Erfahrungen sprechen – ein Patentrezept habe ich nicht. In unserem eigenen Büro können wir bis zu zwölf Leute unterbringen, ohne dies unangenehm zu finden. Bei fünfzehn Personen fängt es an, kritisch zu werden. In diesem Rahmen fühlen wir uns wie eine Familie. Deswegen lassen wir uns bei unseren Planungen von unserer eigenen Bürogröße leiten. Wenn wir es also mit einem sehr großen Raum zu tun haben, versuchen wir, diesen zu analysieren und mit verschiedenen architektonischen Eingriffen in kleinere Bereiche zu gliedern, um eben diesen humanen Maßstab zu erzeugen. Damit die Menschen, die im offenen Raum arbeiten, sich immer noch aufgehoben in ihrer Gruppe fühlen können. Wichtig ist dabei, dass diese Gruppen weiterhin durch Sichtbeziehungen miteinander verbunden sind. 

Sie planen Arbeitsplätze in verschiedenen Ländern – wie gehen Sie mit kulturellen Unterschieden um?

Natürlich sollte man sich mit der Kultur auseinandersetzen und ihre Dynamik verstehen. Aber manchmal muss man die Kultur auch hinterfragen. Wenn es zum Beispiel sehr hierarchisch zugeht. Denn es gibt schon Möglichkeiten, Verhaltensweisen zu ändern. 

Wollen Sie denn die Menschen verändern mit den Arbeitsumgebungen, die Sie planen?

Das kann ich nicht. Das klingt, als wäre ich ein Prophet. Es geht mir nicht darum, Menschen zu verändern, sondern als Katalysator zu wirken. Sie dazu zu bringen, nachzudenken, Fragen zu stellen und aufmerksam zu werden.

Sie sind ja in einer starken Position: Wenn Sie Arbeitsplätze gestalten, müssen die Menschen damit tagtäglich klarkommen.

Nehmen wir ein Projekt in Istanbul als Beispiel: Hierarchien sind dort sehr ausgeprägt. Als Gestalter muss man das respektieren – das muss mich aber nicht davon abhalten, trotzdem eine gute Arbeitsumgebung zu entwickeln. Ich frage mich immer, was kann man für die Menschen tun  – innerhalb der Grenzen der Vorgaben. Dabei ist es egal, ob es um den CEO geht, eine persönliche Assistentin oder den Mann, der den Tee zubereitet. 

Eine sehr wichtige Person in Istanbul …

Allerdings. Das ist ein gutes Beispiel: Unsere erste Reaktion auf die Aufgabe war, eine Kaffeeküche einzurichten, wo sich die Mitarbeiter treffen können. Aber die Tradition in der Türkei ist anders: Es gibt dort viele Arbeitskräfte, Menschen müssen beschäftigt werden, und deswegen lässt man sich seinen Tee von jemandem bringen. Und sie trinken viel Tee! Eine Kaffeeküche hätte nicht funktioniert, also mussten wir uns etwas Anderes einfallen lassen, um die Leute zusammen zu bringen. Ansonsten hätte der Teejunge seinen Job verloren. Das System funktioniert, warum hätten wir es verändern sollen?

In einer sich zunehmend digitalisierenden Gesellschaft scheint der Ort Arbeit für den Wissensarbeiter immer unwichtiger zu werden, bzw. man sucht sich seinen bevorzugten Ort selbst aus. Wir können zu Hause, im Café, in Zügen und Flugzeugen oder auch im Coworking Space arbeiten. Hat das Büro ausgedient?

Es ist wahr, dass die Rolle des Büros sich wandelt und dass unsere gesteigerte Vernetzung es uns ermöglicht, zu arbeiten, wo und wann wir wollen. Aber auch wenn die von Ihnen beschriebenen Umgebungen absolut ihre Berechtigung haben, handelt es sich im Großen und Ganzen doch um Umgebungen für den „einzelnen“ Arbeitenden. Zwar bedeutet diese neue persönliche Mobilität und Vernetztheit, dass das Büro nicht mehr seine traditionelle Rolle als Zentrum der Produktivität innehat, jedoch glauben wir, dass es nach wie vor ein wichtiges geschäftliches und soziales Bedürfnis erfüllt – dafür wird es sich aber in der Form und im Schwerpunkt verändern müssen.

Erstens werden Büros vermutlich kleiner werden: Sie verringern ihren Fußabdruck als Antwort auf die Mobilität der Belegschaft, die typischerweise dazu führt, dass zu jeder Zeit weniger als 50 Prozent des Unternehmens im Büro anwesend sind. Als Resultat werden persönlich fest zugewiesene Arbeitsplätze schnell durch nicht zugewiesene Team-Basen ersetzt.

Zweitens müssen sich Büros umgestalten, um Orte zu werden, zu denen Menschen gehen wollen – indem sie den Nutzern eine Bandbreite von Einrichtungen und Möglichkeiten bieten, die diese bei den verschiedenen Aufgaben, die sie zu erfüllen haben, unterstützen.

Drittens ist Arbeit eine Matrix aus Beziehungen, Freundschaften und sozialen Interaktionen. Wir alle profitieren von der Interaktion, Kommunikation und Kollaboration mit unseren Kollegen und entwickeln uns dadurch auf persönlicher und beruflicher Ebene weiter. Büros schaffen eine Umgebung, die geplanten ebenso wie zufälligen Austausch fördert.

Viertens muss ein Unternehmen, um sich effektiv weiterzuentwickeln, die Fähigkeit besitzen, auf Wandel zu antworten und ihn aufzunehmen, zu reagieren und schnelle Entscheidungen zu treffen. Zu gestalten und sich auf menschlicher Ebene auszutauschen, hat nach wie vor eine große Bedeutung für den Erfolg sowohl des Unternehmens als auch des einzelnen Menschen.

Aus all diesen Gründen ist es wichtiger denn je, intelligente, emotionale und menschliche Arbeitsumgebungen zu gestalten, die den Nutzer ermuntern, Stolz und Freude daran zu entwickeln, zusammen mit den Kollegen Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein.

Letzteres ist der Grund dafür, warum Coworking-Umgebungen immer beliebter werden. Obwohl Coworking Spaces vor allem auf einzelne Arbeitende und auf Kleine und Mittlere Unternehmen zielen, nutzen auch größere Unternehmen sie immer mehr als Spontan- und Satellitenbüros, um ihre mobile Belegschaft besser zu unterstützen.

Für diese größeren, etablierteren Organisationen wird das Büro jedoch weiterhin ein Mittelpunkt für Verbindung, Wissensaustausch und die Repräsentation der Identität und des Ethos eines Unternehmens sein.

Frau Peach, vielen Dank für das Gespräch.